„Bingo! What to say?“ – Schwer zu sagen, ob es besonders eloquent ist, mit diesen Worten ein Album zu beginnen, aber „No Tricks with the Ocean“ schiebt sich mit seinem Rhythmus ?ber die Landschaft wie ein Monster, das erst mal ?ber hohe Berge klettern muss, um zu sehen, dass die Einwohner des Tals w?hrend einer Pandemie auf die glorreiche Idee kamen, nach Mallorca zu fliegen. Apokalypse abgesagt, hat sich von selbst erledigt. „All lives say goodbye, farewell.“
Aber dies ist kein Grund zur Panik, denn es liegt eine Leichtigkeit in der Luft, die FUTUR II atmet, die dem ersten Atemzug nach langer Zeit abseits von Klimaanlagen, B?ros und Stadt gleicht. In einer Zeit, in der Wald als „ungenutzte Fl?che“ gilt und man jederzeit ermutigt wird, Zeit und Raum mit einem Preis zu bemessen, ist es nat?rlich schwierig, von Leichtigkeit zu sprechen, ohne daran zu denken, was man daf?r bezahlen muss.
Um diese zugegeben eher skeptische Perspektive auf die Zukunft einzufangen, macht NEWMEN den Spagat zu den ersten Hallelujah-Momenten, als Technologie Einzug ins Musikmachen hielt. Kraftwerk, NEU! und Konsorten nahmen die mechanische Pr?zision, die Technologie erm?glichte, und bedienten sich des motorischen Rhythmus, den jeder kennt, der mehr als eine halbe Stunde auf der Autobahn verbracht hat oder die Sekunden z?hlt, bis der Arbeitstag vorbeigeht. Nun ist es allerdings so, dass NEWMEN Kinder der Generationen sind, die bereits ihr Leben in diesem Rhythmus verbracht haben. Wenn man also die Erfahrung macht, dass es sinnvoll sein kann, das Ersparte eher im einarmigen Banditen zu verpulvern, statt auf einen zunehmend ausgeh?hlten Sozialstaat zu bauen, dann wird bei NEWMENs Liebe zu treibender Rhythmik auch die Schwermut erkennbar. Hinzu kommt, dass jede und jeder mit entt?uschten Idealen den wahren Wert von Eskapismus kennt. Genau hier gehen fl?chenf?llende Synthesizer der analogen Machart Hand in Hand mit stakkatoartigem Gitarrenspiel der sp?ten 70er und fr?hen 80er, als Gordon Gekko gerade noch so als cooler Typ durchgehen konnte und Diskotheken auf ?konomische Talfahrten mit bunter Selbstdarstellung reagierten.
Mit Ihrem „Krautpop”, der in all diesen Gefilden herangewachsen ist, haben NEWMEN auf ihrem dritten Album FUTUR II einen Stil entwickelt, der einerseits tief verwurzelt ist in den technologischen Innovationen der Industriel?nder, sich aber nie anbiedert, um vom allm?chtigen Algorithmus auf die neueste Lifestyle-Playlist gezogen zu werden. Zugegeben kann es Spa? machen, zu h?ren, wie sich The Weeknd in Aha!-Cosplay ?bt, aber NEWMEN bedient den Teil des Hirns, der davon tr?umt, etwas richtig gutes zu essen, w?hrend man sich am Hauptbahnhof gleich zwei Whopper holt, weil sie zur Zeit nur einen Euro kosten.
W?hrend der Opener „No Tricks with the Ocean“ das verschwundene Leben besingt, l?sst das knochentrockene Schlagzeug erahnen, welche steigende Hitze daf?r verantwortlich ist. „Caravan“ l?sst einen den hei?en W?stensand und die Verzweiflung sp?ren, die einen dazu zwingt, sein Heim zu verlassen. „Seven Suns“ hingegen bringt uns mit Ketty van Dolns wundersch?nen Gesang und einem grandiosen Groove der Resilienz nah, die wir alle n?tig haben.
Nicht fehlen d?rfen die f?r NEWMEN charakteristischen Instrumentalst?cke. „Fordissimo“ greift mit seinem Wortspiel aus „Fordismus“ und „Fortissimo“ den Flie?bandrhythmus auf, der mit maschineller Pr?zision an Instrumentalst?cke aus den vorherigen Alben RUSH HUSH (2014), SOFT WARE (2017) und zwei EPs anschlie?t und mit Liebe zum Detail daran erinnert, dass diese Band Aufmerksamkeit belohnt – denn hier ist nichts gestopft, sondern gef?llt.
Sowas entsteht nicht rein zuf?llig. So wie auch der Bandname einerseits als Abgesang auf nicht mehr ernst zu nehmende maskuline Posen funktioniert, aber auch ironisch zugibt, dass die verwendeten Mittel nicht „neu” sind, distanziert sich die 2012 in Frankfurt am Main gegr?ndete Band gleichzeitig von Klischee-Verwurstung und Ringvorlesungs-Pop.
FUTUR II bietet eine e